Vaters Wahnsinn – Teil 2

Natürlich müsste mein alter Herr die Rolling Stones kennen, und kennt sie vermutlich auch, um jetzt mal ein eher harmloses Thema, so gänzlich am Rande, anzuschneiden, um klar zu machen, wie, wer tickt.

Es ist ja im Grunde die Musik seiner Generation, die Generation unserer Eltern, in der Elvis, Chuck Berry und der Rock ´n Roll aufkam, die Beatles und die Stones die Massen hypnotisierten. Im Grunde eine Zeit, auf die viele, so wie ich auch, heute ja sogar noch mit einem gewissen Neid zurück blicken, weil man selber damals einfach noch zu jung, eben noch ein Kind war, das alles einfach noch gar nicht so mit bekam und nur aus Geschichtsbüchern oder den Erzählungen der „etwas“ älteren kennt. Denn das, was sich in den 1960ern Jahren, in Sachen Musik, Kunst und Kultur und natürlich auch in der Politik zu bewegen begann, ist meiner Meinung nach, bis heute, einzigartig. Hier wurde mal endlich dieser ganze Mief dieser beiden scheiß Weltkriege und dieses ganze Gedöns, rund um diese unsägliche, viktorianische Verklemmtheit und starrer, preußisch, deutscher Etikette, von einer rebellierenden, und völlig außer Rand und Band geratenen Jugend ad absurdum geführt. Unsere Jungend heute, … ach du liebe Güte, ich will jetzt nicht schon wie ehemals Platon …, und vor allem nicht wie mein eigener alter Herr klingen! Das wäre absolut fürchterlich …!

Dieser dünne Jagger, und dann der andere, der so aussieht, wie diese fürchterliche Frau Sowieso, von neben an. Ja, so turnt man doch nicht rum, so halbnackt, in dem Alter noch – Affenmusik. Ja, wie sehen die denn überhaupt aus? Und dann dieser Jagson, der da letztens verstorben ist. Ich dachte immer, das wäre dieser Boxer. Nee, das ist ja dieser schwatte Kinderschänder. Um den ist es ja nun wirklich nicht schade.

Loriot lässt grüßen. Ja, mein Gott, was gäbe ich nur dafür, mal einen Mick Jagger als Vater gehabt zu haben – und wenn auch nur mal für einen einzigen Abend. Sicher, auch dieser ältere Herr, welcher ja witziger Weise nur  unwesentlich jünger ist als der eigene, der aber wie von einem ganz anderen Stern zu stammen scheint, hat ganz sicher auch seine Schattenseiten. Reichlich vermutlich! Aber es gäbe zumindest einen Abend lang ein Superbesäufnis, Koks ohne Ende und jede Menge 21jährige Groupies zum befummeln. Aber vor allem coolste Mucke und nicht dieses dusselige James Last, Max Greger und Bert Kaempfert Gedudel, welches aber irgendwie schon formal passend war, zu den ewig gleichen, Bergpredigten nahe kommenden und gebetsmühlenartig vortragenden Vorurteilen, Meinungen die die Welt nicht interessiert und altertümlichster Ansichten darüber, wie man sich gefälligst zu benehmen hat.

Nicht das ich irgendwas gegen einen James Last einzuwenden hätte, um nur ein Beispiel zu nennen. Jede Form von Musik hat natürlich seine Berechtigung. Wenn man allerdings ausschließlich dieser Art von Musik frönt und dann auch noch der Meinung ist, wer anderes Gedudel hört ist entweder ein völlig überdrehter Intellektueller (Klassikfan) oder ein armer Hippie (Affenmusik), dann ist man eben nicht gerade der ausgewiesene Musikkenner, als den man sich selber so gerne ausgibt. Denn wer von morgens bis abends nur Groschenromane liest, hat eben nicht gleich auch automatisch ein Mitspracherecht bei der Vergabe des Literatur Nobelpreises. Oder? Und als ich mich dann mal, im zarten Alter noch, anzumerken getraute, dass ich seine Musik einfach nur scheiße finde, wurde mir recht schnell verdeutlicht, dass ich Steppke natürlich überhaupt keine Ahnung von Musik hätte. Denn immerhin würden sich diese Platten ja Millionenfach verkaufen. Womit er sicher Recht hatte. Doch nur weil sich die Currywurst Millionenfach verkauft, wird daraus noch lange kein Angus-Steak.

Schlechter Vergleich? Okay, dann nochmal: Auch wenn die Tage, der alte Albrecht Milliarden schwer verstarb,  werden auch weiterhin, auch nach seinem Tod, in den Aldi-Ketten noch weitere Milliarden umgesetzt. Und dennoch geht da trotzdem kein Viersternekoch einkaufen. Es sind eben nur die Massen eines Heinblöd oder Hinz und Kunz, auf der Suche nach einer 99 Cent Tiefkühlpizza.

… Besser? … Immer noch nicht? Ach, im Sinne Heinz Erhards  - Einer geht noch: Ein Ikea Poster ist eben kein Rembrandt. Und wer das jetzt immer noch nicht verstanden hat, ist eben ein Vollidiot und hat keine Ahnung. Punkt, Ende, Aus, – Ende der Diskussion.

Warum aber bitte, kam von all dem, aus diesem so bewegenden Zeitgeist der 1960er, so rein gar nichts bei meinem alten Herrn an? Nicht das ich das heute alles, was neben den längst überfälligen Veränderungen, wie freier Sex, Kiffen für alle, von morgens abends, gutheiße, … nee, auf die langhaarigen Bombenleger hätte die Welt wohl verzichten können.  

Ende Teil 2

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Vaters Wahnsinn – Teil 1

Mittlerweile hat man ja selber schon ein Alter erreicht, in dem die eigenen Kinder auch schon erwachsen sind, wenn man denn welche hat. Man ist also selber Vater, mit all seinen Fehlern, mit all seinen Schwächen – kurz um, man ist auch als solcher ein Mensch, so wie im Grunde ein jeder anderer auch, der eben keine Kinder hat.  Aber was die meisten, so langsam alternden Herren meiner Generation gemeinsam haben, egal ob nun eigene Kinder da sind oder nicht, ist die Tatsache, dass es eben da noch einen weiteren Vater gibt – nämlich den eigenen, den Opa also, und nur die wenigsten, die ich kenne, haben sich jemals gewünscht, so zu werden wie er. So auch ich!

Natürlich ist man selber nicht zu vermessen anzunehmen, dass diese  Ansicht nicht auch bei den eigenen Kindern vorherrschen könnte. Aber man hofft ja immer und man tut ja auch möglichst alles dafür, dass es zumindest nicht soweit kommt… nicht in dieser abgrundtiefen Deutlichkeit, nicht so, als wenn sich gefühlte Lichtjahre zwischen den Generationen aufgebaut hätten, die dann dazu führen, das man entweder rein gar nicht mehr mit einander oder wenn überhaupt, nur noch auf die notwendigsten Gesten von Höflichkeit beschränkt, miteinander kommunizieren kann. Denn es ist irgendwie alles anders, mit dem eigenen, alten Herrn.

Natürlich kann man die Väter, auch meiner Generation, nicht generalisieren und somit auch nicht per se zu Anti-Vorbildern stigmatisieren. Das ist natürlich auch nicht meine Absicht. Aber egal mit wem ich auch immer, über die Jahre hinweg, über diese Frage diskutiert habe, im Grunde haben alle ähnliche Erfahrungen gemacht, wenn auch nicht ganz so Groteske, wie ich selber.

Vorab stellt sich natürlich die Frage, ob es sich überhaupt gehört, über dieses Thema öffentlich auch nur einen Satz zu verlieren. Vor allem deshalb, weil man ja nicht über einen längst verblichenen schreibt, der sich dann sowieso nicht mehr wehren kann, sondern über sein eigenes, noch immer existierendes, väterliches Ich. Denn das ist ja im Grunde eine Frage des Anstandes. Wieder so ein allzu überstrapazierter Begriff: Anstand!

Aber da es meinem alten Herrn grundsätzlich sowieso scheiß egal ist, was andere über ihn denken, anscheinend auch völlig scheiß egal ist, was seine beiden Söhne von ihm halten, die eben nicht so ticken wie er und im Grunde auch der ganze Rest der Welt nicht, mache ich in Sachen Anstand, an dieser Stelle, auch gerne einmal, bei allem verbliebenen Respekt, eine mehr als höfliche Ausnahme. Denn lesen wird mein alter Herr, das was ich so schreibe, sowieso nicht. Warum sollte er auch, wenn es ihn ja noch nicht einmal interessiert, was ich denke!?

Und außerdem …, Internet, Blogs, Facebook und Twitter, ist eh nur was für Vollidioten und Grenzdebile. Sowas braucht die Welt nicht, und er erst recht nicht. Denn durch all dieses Teufelszeug wird ja jede Redekultur mit Füßen getreten und am Ende besteht die Zukunft nur noch aus einsam vor sich hin tippenden Schwachköpfen, in der keiner mehr „richtig“ arbeitet – so seine Meinung. Allerdings kann ich mich auch nicht daran erinnern, jemals mit meinem alten Herrn, auch nur länger als dreißig Minuten alleine geredet zu haben – geschweige denn mal, auf Augenhöhe, wenn auch nur über Gott und die Welt, diskutiert zu haben. Nein, es hagelt dann, bei den wenigen Gesprächsmomenten, wenn sie sich dann mal ergeben, ja, schon fast monologartig, an Predigten darüber, was seiner Meinung nach alles in dieser Welt, und natürlich auch in meinem Leben, das der Nachbarn, des Bruders Firma, im Nahen Osten, usw.,  so alles schief läuft.

Mich erfasst dann immer auch gleich eine gewisse Fassungs- und Sprachlosigkeit angesichts dessen, was mir da so vehement und als die totale Unumstößlichkeit größter Lebensweisheiten entgegen dröhnt – lauthals entgegen dröhnt, versteht sich. Mein Standardspruch ist an dieser Stelle immer wieder: „Wir werden laut – du musst jetzt nicht noch lauter werden, ich höre immer noch recht gut. Und die Nachbarn erst recht.“ Das geht dann gefühlte Minuten, in Sachen lauter, noch lauter, um noch lauter zu werden, halbwegs gut. Dann aber muss doch wieder, so nach und nach, erneut der Geräuschkulisse eines Live Konzerts der Stones Konkurrenz gemacht werden und ich wiederhole abermals meinen Standardspruch: „Wir werden laut …“

Ende Teil 1

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Das Dorf (Romanfragment) No. 2

Die große Hauptgasse des Dorfes schlängelte sich windend vom Strand aus, das Dorf mittig teilend, in Richtung der großen, alles umspannenden Felswand. Einer zunehmend verkalkenden Schlagader gleich bogen links und rechts, weitere, kleinere Gassen, wie immer kleiner werdende, sich noch weiter verästelnde Äderchen ab, um sich in der meist hier alles umschlingenden Dunkelheit, in einer unerklärlichen Art von Labyrinth zu verlieren. Die Hauptgasse war im Grunde auch nur wenige Meter breit, so dass, wenn überhaupt, nur ein Auto hinein fahren konnte, um dann, unter größten Mühen, zu wenden. Denn eine Ausfahrt, vielleicht über eine andere Gasse, aus der Hauptgasse heraus, gab es nicht. Schlimmer noch …, alle abgehenden Gassen verjüngten sich, eben einer weiteren Ader gleich, in zunehmenden Maße, an deren Ende im Grunde vielleicht noch ein Pärchen, eng umschlungen, hindurch schlüpfen konnte. Alle Gassen waren mit schweren, groben Pflastersteinen ausgelegt, welche über die langen Jahre hinweg, durch Wind und Wetter, also vor allem dem vielen Regen geschuldet, fast plan geschliffen waren. So etwas wie einen Bürgersteig gab es somit auch nur in der Hauptgasse, einen Rinnsal wie hier nun auch, mit entsprechenden Abflussmöglichkeiten, gab es allerdings überall im Dorf, selbst in der kleinsten Gasse. Dieser ewige Regen, mit seinen Unmengen an herab schnellendem Wasser, selbst im  Hochsommer das Dorf immer wieder Unwetterartig heimsuchend, musste ja irgendwo hin abgeleitet werden. Somit war angeblich die Kanalisation dieses Dorfes, diese abenteuerliche Unterwelt von feinst gemauerten Kanälen und Abflüssen wohl einzigartig in seinen Ausmaßen und zogen sich, wie man munkelte, unterirdisch bis weit über diese Bucht hinaus. Nur einige wenige Auserwählte des Dorfes stiegen einmal im Jahr hinab, in diese Unterwelt, um das nötigste mal zu richten, den einen oder anderen Abfluss, dieser oder jenen Gasse, mal wieder von verstopfenden Abfall und Blätterwerk zu befreien. Wer weiß wirklich, wer oder was, in den Kilometer langen unterirdischen Gängen sonst noch so hauste? Heere von Nagern, da war man sich sicher. Und was, oder wer sonst noch?

Ende – Auszug, Teil 2

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Das Dorf (Romanfragment) No. 1

Eine alte Legende, hier vor Ort, unter den zahlreichen Gästen immer mal wieder kursierend, besagte, dass diese alten Häuser, deren Mauern außen und deren schiefen Wände im Inneren, alles speichern, was in ihnen oder um ihnen herum bisher je geschehen war. Natürlich alles Tinnef, reiner Aberglaube, nach Meinung der Dorfbewohner. Aber, wer weiß das schon? Auch die Hölle selber hatte ja noch nie jemand gesehen und dennoch glaubte alle Welt daran. Gibt es eine Hölle?

Das Dorf, nicht mehr als ein bescheidendes Städtchen vielleicht, lag scheinbar gänzlich vergessen, von allen und jedem, in einer nur allzu beschwerlich zugänglichen Bucht, U-förmig umrahmt von tief zerklüfteten Felsen, welche sich in Richtung Osten, also in Richtung der Hochebene und Landesinnerem, am hinteren Ende der Siedlung, an die gut hundert Meter steil auftürmten.  Die nicht wenigen Häuser des Dorfes, welche sich eher nur unwillig in geregelter Ausrichtung an die jeweiligen wenigen alten Gassen schmiegten, waren mehr oder weniger alle von gleicher Bauart und Architektur. Sie bestanden in erster Linie aus hier vor Ort gehauenem Gestein, abgerungen eben jener ominösen Felswand, welche das Dorf und seine Einwohner schon seit ewigen Zeiten eng umschlungen hielt. Die eher unförmigen, allzu schneidend kantigen Steine der Häuser, ehemals nur grob auf Ziegelform zusammengestutzt und mit dem einfachen Sand und Schlamm des nahe gelegenen Strandes zementiert, überzog mittlerweile eine zunehmend glättende, grüne, pilzartige Schicht, welche den Dunst und den salzigen Geruch des Meeres in sich zu konservieren schien. Denn immer wenn sich mal die Sonne, in den wenigen wirklich warmen Monaten des Jahres, aus dem meist hier Wolken verhangenen Himmel, zeigte und somit dem Dorf kurzweilig Temperaturen über 20 Grad bescherte, durchzog all die alten Gassen und Häuser, bis hin zum hinteren Ende, fernab des Strandes und mit Rücken an die hoch aufragende Steilwand gedrängt, ein wohlriechender, frischer Duft von Meerpriese.

Gerade in den, allerdings nur wenig auftretenden, wirklich sonnigen Tagen des Jahres, wirkte dieses Dorf ja schon fast malerisch verträumt. Die mit dicken, grünem Pilz überwachsenden Wände der Häuser umgarnten ja nun jetzt schon seit Jahren, zusätzlich, ein dicht verwachsenes Geflecht von Efeu ähnlichen Ranken, fähig einer Blüten ähnlichen Pracht, welche dem an sich trüben Einerlei hier, in dieser Bucht, wenn auch nur zeitweise, eine ungeahnte Freundlichkeit verlieh. Ende August war es mit dieser Herrlichkeit aber auch immer schon wieder vorbei. Denn dichte, dunkle Wolken, denen, wie süchtige Furien gleich folgend, erste leichte Winde, sich dann zu Stürmen aufbauend,  zogen zunehmend, vom Meer aufkommend, immer wieder in Richtung Dorf und verdunkelten, vernebelten alles – wie seit ewigen Zeiten schon.

Ende – Auszug, Teil 1

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